DARMSTADT. Da heute
Bach alle überstrahlt, sehen Komponisten wie Christoph Graupner,
der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Darmstädter
Hofkapellmeister war, ganz schön alt aus. Dabei vergisst man, nach
den spezifischen Qualitäten Graupners zu suchen. Das könnte sich
ändern. Zumindest seit dem Konzert der Graupner-Gesellschaft am
Samstag in der Pauluskirche in Darmstadt. Dort führte Karl-Heinz Hüttenberger
mit dem Kammerorchester der Christoph-Graupner-Gesellschaft und vier
Gesangssolisten drei Kantaten aus Graupners Passionszyklus von 1741
auf Texte von Johann Conrad Lichtenberg auf, der Vater von Georg
Christoph Lichtenberg war.
Hüttenberger betrachtet Graupner nicht durch die Brille Bachs
und des Barockzeitalters, sondern sucht eher nach den Eigenheiten
der Werke. Und siehe da, er ist fündig geworden, fördert in den
alten Stücken neue Töne zutage. Denn Graupner steht nicht mehr mit
beiden Beinen im Barock, sondern schon an der Schwelle zur
Vorklassik und darüber hinaus. Bereits in der ersten Kantate über
das Leiden des Erlösers am Kreuz „Kommt Seelen, seid in Andacht
stille“ erweist sich Graupner als ein Ausdrucksmusiker
sondergleichen. Nicht nur, dass er die Stille mit einer Generalpause
markiert, sondern er zeigt auch im In-sich-Kreisen der Musik die
Ausweglosigkeit des Todes. Hüttenberger betont das Fahle, das Schüttere
und Erschütternde eines einsam Sterbenden.
Klar, dass bei diesem extrem langsamen Tempo Wackler nicht
ausbleiben, die dann in den anderen Kantaten immer weniger werden.
In „Christus, der uns selig macht“ (Nr. 3 aus dem Zyklus) nutzt
Graupner die Klangmöglichkeiten der damals neu entwickelten
Klarinette (die noch eher dem Vorläuferstinstrument Chalumeau
entsprach) mit reizvollen solistischen Einwürfen. Ein ganz neuer
Ton kündigt sich in der Sopran-Arie dieser Kantate an, denn die
Melodieführung wirkt fast romantisch, und der Eingangschor, der wie
zu Graupners Zeit üblich von den vier Gesangssolisten wahrgenommen
wird, erinnert entfernt an die Geharnischten aus Mozarts „Zauberflöte“.
Recht bildhaft klingt die 5. Passions-Kantate „Die Gewaltigen
raten nach ihrem Mutwillen“ mit wunderschönen Soli von Violine
und Oboe d’amore im Tenor-Bass-Duett, sekundiert von gezupften
Streichern. Graupner, der die tiefer klingende Oboe d’amore durch
eine neu komponierte Fagott-Stimme ersetzt hat, dürfte diese
Kantate nie in dieser (ursprünglichen) Version gehört haben, so
dass man die jetzige Darmstädter Aufführung auch als Uraufführung
betrachten könnte.
In der gut besuchten Pauluskirche verfehlten die ausdrucksstarken
Werke nicht ihre Wirkung, und das Publikum applaudierte begeistert;
nicht zuletzt wegen der Solisten mit der Männeraltstimme von Felix
Ühlein, dem Tenor Martin Steffan, dem Bass Markus Matheis und der
herausragenden und stimmstarken Sopranistin Eva Lebherz-Valentin,
die sich alle zusammen auch zu einem homogenen Chorensemble zu
formieren verstanden.