Pressestimmen zur Christoph-Graupner-gesellschaft  e. v.
 

Darmstädter Echo 14.03.2005

Neue Töne in alten Stücken
Konzert: Erfolgreiche Suche nach dem Besonderen: Kantaten aus Christoph Graupners Passionszyklus in der Pauluskirche

DARMSTADT. Da heute Bach alle überstrahlt, sehen Komponisten wie Christoph Graupner, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Darmstädter Hofkapellmeister war, ganz schön alt aus. Dabei vergisst man, nach den spezifischen Qualitäten Graupners zu suchen. Das könnte sich ändern. Zumindest seit dem Konzert der Graupner-Gesellschaft am Samstag in der Pauluskirche in Darmstadt. Dort führte Karl-Heinz Hüttenberger mit dem Kammerorchester der Christoph-Graupner-Gesellschaft und vier Gesangssolisten drei Kantaten aus Graupners Passionszyklus von 1741 auf Texte von Johann Conrad Lichtenberg auf, der Vater von Georg Christoph Lichtenberg war.

Hüttenberger betrachtet Graupner nicht durch die Brille Bachs und des Barockzeitalters, sondern sucht eher nach den Eigenheiten der Werke. Und siehe da, er ist fündig geworden, fördert in den alten Stücken neue Töne zutage. Denn Graupner steht nicht mehr mit beiden Beinen im Barock, sondern schon an der Schwelle zur Vorklassik und darüber hinaus. Bereits in der ersten Kantate über das Leiden des Erlösers am Kreuz „Kommt Seelen, seid in Andacht stille“ erweist sich Graupner als ein Ausdrucksmusiker sondergleichen. Nicht nur, dass er die Stille mit einer Generalpause markiert, sondern er zeigt auch im In-sich-Kreisen der Musik die Ausweglosigkeit des Todes. Hüttenberger betont das Fahle, das Schüttere und Erschütternde eines einsam Sterbenden.

Klar, dass bei diesem extrem langsamen Tempo Wackler nicht ausbleiben, die dann in den anderen Kantaten immer weniger werden. In „Christus, der uns selig macht“ (Nr. 3 aus dem Zyklus) nutzt Graupner die Klangmöglichkeiten der damals neu entwickelten Klarinette (die noch eher dem Vorläuferstinstrument Chalumeau entsprach) mit reizvollen solistischen Einwürfen. Ein ganz neuer Ton kündigt sich in der Sopran-Arie dieser Kantate an, denn die Melodieführung wirkt fast romantisch, und der Eingangschor, der wie zu Graupners Zeit üblich von den vier Gesangssolisten wahrgenommen wird, erinnert entfernt an die Geharnischten aus Mozarts „Zauberflöte“. Recht bildhaft klingt die 5. Passions-Kantate „Die Gewaltigen raten nach ihrem Mutwillen“ mit wunderschönen Soli von Violine und Oboe d’amore im Tenor-Bass-Duett, sekundiert von gezupften Streichern. Graupner, der die tiefer klingende Oboe d’amore durch eine neu komponierte Fagott-Stimme ersetzt hat, dürfte diese Kantate nie in dieser (ursprünglichen) Version gehört haben, so dass man die jetzige Darmstädter Aufführung auch als Uraufführung betrachten könnte.

In der gut besuchten Pauluskirche verfehlten die ausdrucksstarken Werke nicht ihre Wirkung, und das Publikum applaudierte begeistert; nicht zuletzt wegen der Solisten mit der Männeraltstimme von Felix Ühlein, dem Tenor Martin Steffan, dem Bass Markus Matheis und der herausragenden und stimmstarken Sopranistin Eva Lebherz-Valentin, die sich alle zusammen auch zu einem homogenen Chorensemble zu formieren verstanden.

Heinz Zietsch
14.3.2005

 
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