DARMSTADT. Vorbei sind
die Zeiten, in denen Barockmusik in historischer Aufführungspraxis
dünn klingen musste, um authentisch zu wirken. Ein Beispiel davon
gab am Sonntag im Vortragssaal des Darmstädter Schlosses das
Ensemble „Antichi Strumenti“, das sich volltönend der Musik aus
Darmstädter Handschriften widmete. Diese Manuskripte aus dem Besitz
der Darmstädter Landgrafen bewahrt die Musikabteilung der
Landes- und Universitätsbibliothek.
In einer losen Reihe von Konzerten will man dieses Erbe wieder zu
Gehör bringen. Gleichzeitig diente die Auftaktveranstaltung der
Vorstellung einer neuen CD mit zwei Suiten von Christoph Graupner
(geboren 1683 in Kirchberg, gestorben 1760 in Darmstadt), die „Antichi
Strumenti“ vor kurzem herausgebracht hat.
Graupners Musik bildete den prachtvollen Beginn eines Konzerts,
das den Spagat zwischen authentischer Spielweise und modernen Hörgewohnheiten
vollbringen wollte. Dazu gehört, dass man sich Gedanken darüber
macht, wie denn im 18. Jahrhundert nun tatsächlich musiziert wurde.
Man weiß es nicht genau, erläuterte Tobias Bonz, der Leiter von
„Antichi Strumenti“. Hörten die Gäste am Hof der Musik genau
zu? Waren die Aufführungen der Hofkapelle vielleicht doch eher
Hintergrund? Bonz brachte seine Überlegungen auf den gemeinsamen
Nenner, dass die Musiker damals wie heute unterhalten wollten. Zudem
seien barocke Werke häufig mit einem bunten Spektakel unterlegt
gewesen. Ursula Kramer, Musikwissenschaftlerin aus Mainz und
Vorsitzende der Graupner-Gesellschaft, steuerte ein gerade
erforschtes Detail hinzu: Im Nordflügel des Darmstädter Schlosses
gab es zu Graupners Zeiten einen Musikpavillon, der unterkellert
war. Die Musiker spielten aus dem Keller heraus, die Klänge wurden
mit Durchlässen in den Ecken des Pavillons in den Raum übertragen,
wo die Musik wie aus dem Nichts erklang. 1833 wurde dieses Kleinod
zerstört.
„Ein bisschen Spektakel“ wollten die Musiker auch am Sonntag
für die Zuhörer bereithalten. Zur Begleitung von Graupner, Fasch
und Telemann hatte man Amin el Barkaoui gebeten: Tänzelnd,
radschlagend, jonglierend und auf den Händen laufend war er ein
wirkungsvoller Spaßmacher. Selten durfte man sich so offen freuen
über einen Zuhörer mitten im Publikum, der den Gelangweilten
mimte.
Zweieinhalb Stunden Barockmusik könnten ein wenig eintönig
wirken, zumal die 16 Musiker des Ensembles ihr Programm –
abgesehen von einer Pause in der Mitte des Konzerts – ohne
Unterbrechung zwischen den Werken durchspielten. Doch Differenzen
waren auch so zu hören. So erinnerten der Glanz und die
Prachtentfaltung von Graupners Suite D-Dur, GWV 420 an Händels
Orchestermusik, und Johann Friedrich Faschs Ouvertüre bot innige,
anrührende Momente. Der große Experimentator Telemann benutzte in
seiner Suite zu „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift ungewöhnliche
Instrumentenkombinationen und lieferte Tongemälde von Liliputanern
und Riesen. Das auf historischen Instrumenten spielende Ensemble ließ
es sich nicht nehmen, am Ende noch den Finalsatz aus einer zweiten
Suite von Graupner als Zugabe intonieren, noch einmal wirbelte el
Barkoui in atemberaubenden Kunststücken durch den Raum.
Ausgezeichnet unterhalten bedankten sich die Zuhörer mit
anhaltendem Applaus.
Die Platte
Christoph Graupner, „Suite de Suites“, Ouvertüren GWV 420
und GWV 421, Antichi Strumenti ist beim Label Stradivarius unter der
Bestellnumner STR 33797 für 18 Euro erhältlich.